Umfrage: Corona-Pandemie sorgt für Ernüchterung bei den Kapitalanlegern

Schon seit geraumer Zeit stellt die Niedrigzinsphase mit immer neuen Negativ-Rekorden die Versicherungswirtschaft vor große Herausforderungen. Parallel dazu wuchs sich das Coronavirus im März dieses Jahres zu einer Pandemie aus, was die Kapitalmärkte ordentlich aufwühlte. Weltweit erlitten die Aktienmärkte im März historische Einbrüche. So fiel beispielsweise der deutsche Leitindex DAX innerhalb eines Monats nach seinem Allzeithoch von 13.789 Punkten im Februar um nahezu 40 % auf zwischenzeitlich 8.441 Punkte.

Dieser Entwicklung trugen wir auch in unserer diesjährigen Befragung unter den Kapitalanlegern der Versicherungsgesellschaften Rechnung. Die Online-Umfrage zur Kapitalmarktsituation und -entwicklung führten wir in der Zeit von Mitte April bis Mitte Mai durch, so dass sich die unmittelbaren Corona-Verwerfungen an den Kapitalmärkten im Antwortverhalten der 30 Teilnehmer bereits widerspiegeln.

Um die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Wirtschaft zu verringern und diese zu stützen, hat die deutsche Bundesregierung das größte Hilfspaket ihrer Geschichte verabschiedet. Über 350 Mrd. € wurden bereitgestellt, um beispielsweise die Gesundheitsversorgung in Krisenzeiten zu sichern, Verdienstausfälle auf Seiten der Arbeitnehmer und Selbstständigen zu mindern und von der Krise schwer getroffene Unternehmen zu unterstützen. Zusätzlich hat die EZB das Anleihenankaufprogramm PEPP (Pandemic Emergency Purchase Program) gestartet, welches sie in die Lage versetzt, zusätzlich zum regulären Anleihenkaufprogramm Wertpapiere im Wert von bis zu 1.350 Mrd. € aufzukaufen.

Wie nachfolgende Grafik veranschaulicht, ist der größte Teil der Kapitalanleger von der Wirksamkeit dieser Maßnahmen überzeugt. Bemerkenswert ist hierbei, dass keiner der Befragten von einer geringen oder gar sehr geringen Wirkung ausgeht. Vielmehr attestieren 69 % eine hohe und 10 % eine sehr hohe Wirkung.

Mit Blick auf die Aktienmärkte trifft diese Einschätzung bislang zu. Denn in den vergangenen Monaten haben die Börsen eine ungeahnte Aufwärtsrallye vollzogen. So notierte der DAX rund vier Monate nach dem coronabedingten Absturz, am 13.07.2020 mit 12.800 Punkten nur noch 1.000 Punkte und damit weniger als 10 % unterhalb seines Allzeithochs im Februar. Und auch der Eurostoxx hat seine Verluste zwischenzeitlich wieder fast wettgemacht.

Allerdings entfaltet diese Erholung an den Aktienmärkten nur wenig Wirkung in den Kapitalanalagekennzahlen der Versicherer, da die Aktienquoten in allen Sparten im unteren einstelligen Prozentbereich liegen. In den Kapitalanlagebeständen dominieren bei weitem festverzinsliche Anlagen, die bei den Personenversicherern jenseits der 80-%-Marke notieren. Selbst in der Schaden-/Unfallversicherung, die aufgrund geringerer passivseitiger Anforderungen freier in ihrer Kapitalanlage ist, überwiegen festverzinsliche Wertpapiere die Portfolien der Versicherer. Wie nachfolgende Grafik zeigt, machen sie im Kreis unserer Klienten noch knapp etwa ¾ des Portfolios aus.

Auch in der Neuanlage spielen festverzinsliche Wertpapiere nach wie vor eine bedeutende Rolle. Während in der vergleichsweise kurzlaufenden Schaden-/Unfallversicherung jedes Jahr knapp 10 % des Kapitalanlagebestands fällig wird und zum aktuellen Marktzinsniveau neu angelegt werden muss, liegt dieser Anteil bei den von uns gerateten Lebens- und Krankenversicherern bei etwa 3 %. In der Lebensversicherung dürften die tatsächlichen Neuanlageanteile jedoch aufgrund der Zinszusatzreserve weitaus höher ausfallen.

Um diese zu finanzieren, realisieren die meisten Lebensversicherer Bewertungsreserven, indem sie Festverzinser veräußern. Diese frei werdenden Mittel müssen die Gesellschaften dann zu einem geringeren Marktzins wieder anlegen.

Parallel zu den Aktienmärkten sind im Zuge des Corona-Schocks auch die Zinsmärkte Anfang März stark eingebrochen. So fiel der 10-Jahres-Swap von 0,21 % am Jahresanfang auf  -0,39 %, was einem neuen Allzeit-Negativ-Rekord entspricht. Im Gegensatz zu den Aktienmärkten konnten die Zinsmärkte jedoch im Anschluss nicht mit einer Aufwärtsrallye aufwarten. Vielmehr haben sich die Zinsen hier auf dem Krisen-Niveau eingependelt. So lag der 10-Jahres-Swap-Satz zum 13.07.2020 mit -0,19 % nur geringfügig oberhalb seines absoluten Tiefpunkts.

Es ist daher wenig verwunderlich, dass die Kapitalanleger in unserer Befragung dem Jahr 2020 unter Kapitalanlagegesichtspunkten eher negativ entgegensehen.

 

Wenngleich die Zinsen auch im vergangenen Jahr einen damaligen Tiefpunkt erreicht hatten, ist die Stimmung im aktuellen Jahr noch einmal deutlich gesunken. Während 23 % die Aussage, dass 2020 unter Kapitalanlagegesichtspunkten ein gutes Jahr wird, immerhin neutral bewerten, stimmen insgesamt 77 % der Aussage eher nicht oder sogar überhaupt nicht zu. Im vergangenen Jahr hatte der Anteil an Pessimisten noch bei 35 % gelegen und jeweils etwa ein Drittel der Befragten hatte eine neutrale Einstellung oder sogar der Aussage eher zugestimmt.

Zwar bringen die Hilfsprogramme frisches Geld in den Umlauf und stützen so die Wirtschaft, gleichzeitig steigt aber, vor allem durch das Anleihenkaufprogramm der EZB, auch die Nachfrage nach festverzinslichen Wertpapieren. Dadurch kommt es zu einem Preisverfall, der sich in diesem Fall in immer niedrigeren Zinsen äußert.

Das Ende der Niedrigzinsphase, welches die Anleger seit Jahren herbeisehnen, ist somit durch die wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie in noch weitere Ferne gerückt. Die Kapitalanleger in den Versicherungsgesellschaften kommen daher nicht umhin, kreative Lösungen zu entwickeln, damit die Kapitalanlage auch weiterhin einen nennenswerten Beitrag zum Unternehmenserfolg leisten kann.

Author: Alina Trierscheid (Analystin ASSEKURATA Assekuranz Rating-Agentur GmbH)

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