Wenn wir an den Aufsichtsrat einer Versicherung denken, stellen wir uns oft ein Gremium vor, das kontrolliert, Protokolle abnickt und ansonsten im Hintergrund bleibt. Doch diese Vorstellung hat mit der Realität wenig zu tun! Der moderne Aufsichtsrat ist längst nicht mehr ausschließlich ein Kontrollorgan, sondern vielmehr ein strategischer Sparringspartner des Vorstands und trägt entscheidend dazu bei, das Unternehmen erfolgreich durch eine immer komplexere Welt zu navigieren.
Jetzt wird diese Rolle sogar noch anspruchsvoller. Mit der neuen EU-Richtlinie 2025/2 rücken die sogenannten Fit-&-Proper-Anforderungen stärker in den Fokus. Und dabei geht es nicht nur um die fachliche Kompetenz und Zuverlässigkeit der Mitglieder, sondern darum, dass diese Qualifikationen künftig „stets“, also dauerhaft, nachgewiesen werden müssen. Das stellt einen echten Wendepunkt dar, denn bisher wurde der Fokus hauptsächlich auf die einmalige Prüfung bei der Mandatsübernahme gelegt. Doch das reicht nicht mehr: Versicherungsunternehmen müssen in Zukunft die Eignung ihrer Aufsichtsräte kontinuierlich überwachen. Gleichzeitig erhalten die Aufsichtsbehörden weitreichendere Befugnisse, die so weit gehen, dass sie einzelne Mitglieder abberufen können, falls diese die Anforderungen nicht mehr erfüllen.
Sektorvertrautheit: Expertise ist kein statischer Zustand
Was bedeutet das für die Aufsichtsräte? Ganz einfach: Der Begriff der „Sektorvertrautheit“, also die Fähigkeit, sich im Versicherungssektor sicher zu bewegen und fundierte Entscheidungen zu treffen, wird zum dynamischen Prozess. Technologische Innovationen, wirtschaftliche Turbulenzen oder neue regulatorische Vorgaben können dazu führen, dass vorhandenes Wissen plötzlich nicht mehr ausreicht. Die Expertise, die gestern noch „fit“ war, kann morgen schon überholt sein.
Das verlangt von Aufsichtsräten eine aktive Haltung. Systematische Weiterbildung wird unverzichtbar, ebenso wie die Bereitschaft, bestehendes Know-how regelmäßig zu hinterfragen und zu aktualisieren. Unternehmen müssen sicherstellen, dass das gesamte Gremium über die nötige fachliche Breite und Tiefe verfügt, um strategische Entscheidungen des Vorstands kritisch und konstruktiv begleiten zu können.
Frühzeitig handeln: Proaktiv statt reaktiv
Auch wenn die nationale Umsetzung der EU-Richtlinie noch auf sich warten lässt, sollten Versicherungsunternehmen schon jetzt aktiv werden. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass EU-Vorgaben in der Regel schnell, meist mit kurzen Übergangsfristen und ohne große Änderungen in deutsches Recht überführt werden. Wer sich frühzeitig auf die neuen Anforderungen vorbereitet, hat später weniger Stress und ist den Behörden gegenüber in einer deutlich besseren Position.
Was können Unternehmen konkret tun? Ein erster Schritt ist die Überprüfung bestehender Satzungsregelungen und der Fit-&-Proper-Leitlinien, begleitet von transparenten Prozessen zur Dokumentation von Qualifikationen und Zuverlässigkeit. Wer frühzeitig aktiv wird, profitiert doppelt: Einerseits erfüllt man die neuen Vorgaben, andererseits stärkt man langfristig die Qualität der Arbeit des Aufsichtsrats.
Zusammenarbeit: Vorstand und Aufsichtsrat als eingespieltes Team
Doch nicht nur die fachliche Qualifikation entscheidet über die Qualität eines Aufsichtsrats. Mindestens genauso wichtig ist die Zusammenarbeit mit dem Vorstand. Nur wenn der Vorstand strategische Veränderungen klar und transparent kommuniziert, kann der Aufsichtsrat seine Rolle als Sparringspartner effektiv ausfüllen. Gleichzeitig muss der Aufsichtsrat über eine aktuelle und kritische Expertise verfügen, um die strategischen Entscheidungen des Vorstands zu hinterfragen und konstruktiv zu begleiten. Die enge Abstimmung zwischen beiden Organen ist der Schlüssel zu einer erfolgreichen Unternehmensführung.
Herausforderung und Chance zugleich
Die neuen Fit-&-Proper-Anforderungen mögen auf den ersten Blick wie eine zusätzliche Belastung wirken. Doch sie sind weit mehr als das: Sie sind eine echte Chance! Sie ermöglichen es, den Aufsichtsrat als strategisches Herzstück des Unternehmens weiterzuentwickeln und ihn fit für die Zukunft zu machen. Mit den richtigen Prozessen, einer klaren Strategie und einer Kultur des Lernens kann der Aufsichtsrat nicht nur die gesetzlichen Vorgaben erfüllen, sondern auch seine Rolle als Wegbereiter für strategische Exzellenz stärken.
Fit & Proper wird damit zu einem dauerhaften Qualitätsmaßstab für gute Aufsichtsratsarbeit – und zu einem entscheidenden Faktor für den Erfolg des gesamten Unternehmens. Der Aufsichtsrat ist eben nicht nur ein Kontrollorgan, er ist ein strategischer Partner, ein Garant für nachhaltige Unternehmensführung und ein unverzichtbares Element für den Erfolg einer Versicherung.
Autor: Ronald Köster, Revisor/Consultant Assekurata Solutions GmbH
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