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© 2021 Assekurata

Nachhaltigkeitspositionierung des GDV

Nachhaltigkeit ist für die Assekuranz nicht neu: Im Kerngeschäft „Risiken managen“ und „Altersvorsorge“ ging es schon immer um einen ressourcensparenden Umgang (Schäden mindern) und die Mehrung von Werten. Über den eigenen Geschäftszweck und die Anforderungen der Regulierungsbehörde hinaus hat der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. (GDV) im Januar 2021 eine Erklärung zur Positionierung der Branche bei der Nachhaltigkeit formuliert.

Grüner schon bis 2025

„Versicherer bekennen sich zu den Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen (SDGs) und zu den Zielen des Pariser Klimaschutzabkommens. Sie unterstützen das Ziel eines klimaneutralen Europas bis 2050 und den Green Deal. Mit diesem Statement beginnt „die Nachhaltigkeitspositionierung der deutschen Versicherer“.

Der Ansatz konzentriert sich auf den Teil der 17 Nachhaltigkeitsziele (SDGs), der sich mit der Bewältigung und Eindämmung des Klimawandels, der Förderung nachhaltiger Produktions- und Konsummuster sowie der Förderung der gleichberechtigten Teilhabe der Geschlechter am wirtschaftlichen und sozialen Leben beschäftigt. Um die weltweite Klimaerwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, will die Assekuranz ihr Know-how und ihr wirtschaftliches Gewicht einbringen – sieht sich also als einen Teil der Lösung an.
„Mit dem Beschluss des GDV-Präsidiums haben sich die Versicherer ehrgeizige Ziele gesetzt“, kommentierte Jörg Asmussen das 25 Punkte umfassende Papier. „Versicherungen werden grüner werden“, so der GDV-Hauptgeschäftsführer. Und: „Schon 2025 werden Versicherungen erkennbar nachhaltiger sein.“ Die Verabschiedung der Nachhaltigkeitspositionierung durch das Präsidium des GDV soll ein erster, aber entscheidender Schritt beim Transformationsprozess zu einer nachhaltigen und klimaneutralen Wirtschaft sein. Schließlich ist die Assekuranz eine der größten institutionellen Investorengruppen. „Die Debatte um nachhaltige Kapitalanlage werden wir prägen und fördern“, wird Asmussen in der Verbandsmitteilung zitiert.

Die Ansatzhebel der Assekuranz

Die Versicherer wollen die Nachhaltigkeit entlang ihrer gesamten Wertschöpfungskette fördern und „als integralen Bestandteil ihres Handelns weiter ausbauen“. Dies betrifft „die unmittelbaren Geschäftsprozesse, die Kapitalanlagen, die Versicherung von Risiken, die Produktgestaltung und die Schadenregulierung“. Konkret dargestellt und benannt wird aber nur weniges.

Der Ansatzpunkt, den nur die Assekuranz bei der Transformation hin zu einer nachhaltigen Wirtschaft leisten kann, liegt in deren Underwriting-Politik. Würden klimaschädliche Risiken von der Zeichnung ohne Wenn und Aber ausgenommen, käme die Realwirtschaft wahrscheinlich schnell in Zugzwang, sich umzustellen. Im Zusammenhang mit der Ablehnung solcher Risiken verweist das Positionspapier lediglich auf das Ausstiegsszenario der Bundesregierung aus der Kohlestromversorgung. Langfristig wolle man keine gewerblichen und industriellen Risiken mehr ins Portefeuille nehmen, die den Transformationsprozess zu einer nachhaltigen und klimaneutralen Wirtschaft negierten. Diesen Kunden werde aber der aktive Dialog angeboten, um letztlich zu nachhaltigen Geschäftsmodellen zu kommen.

Grundsätzlich will die Branche Kunden bei der Verfolgung von Nachhaltigkeitszielen unterstützen und innovative Lösungen für neuartige Technologien im Bereich erneuerbare Energien bieten. Bis 2025 sollen ökologische und soziale Aspekte sowie die Anforderungen an eine gute Unternehmensführung (ESG-Kriterien) in die Zeichnungsrichtlinien integriert und der nachhaltige Risikotransfer gestärkt werden. Noch sei ein umfassender Versicherungsschutz gegen Naturgefahren möglich, aber in einer sich ungebremst erwärmenden Welt sinke die Versicherbarkeit von Risiken drastisch, wird gewarnt.

Das Angebot an nachhaltigen Versicherungsprodukten (z. B. „nutzen statt besitzen“, „Reparatur statt Tausch“, E-Mobilität) soll ausgebaut werden. Altersvorsorge-Tarife sollen verstärkt in nachhaltige und klimafreundliche Kapitalanlagen investieren. In die Praxis der Schadenregulierung sollen bis 2025 zunehmend Nachhaltigkeitskriterien eingearbeitet werden. Dabei wolle man sich verstärkt an Ansätzen wie „building back better“ orientieren.

Die Kapitalanlagen sollen bis 2050 klimaneutral sein. „Im Einklang mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen und der Verfügbarkeit von Messmethoden“sollen aber bereits bis 2025 und schrittweise darüber hinaus CO2-Reduktionen in den Portfolios realisiert werden.

In ihrem Positionspapier bekennt sich die Branche auch zu eigenen verantwortungsvollen, ressourcenschonenden Geschäftsprozessen. Bis 2025 sollen diese zumindest an den deutschen Standorten (Scope 1 und 2) klimaneutral sein. Die Unternehmen verpflichten sich, den Frauenanteil in Führungspositionen und -gremien zu erhöhen. Nachhaltigkeit soll fest in den Aufsichtsstrukturen verankert werden.
Zudem will die Branche weiterhin die „Vorreiterrolle in der Erforschung der Ursachen und Folgen des Klimawandels“ wahrnehmen. Die eigene Expertise in der langjährigen Naturkatastrophenforschung und zielgerichtete Kooperationen sollen die Klima-Forschung unterstützen. Dabei geht es um Aufklärung und Prävention. Diese seien „das A und O, um künftige Schäden in Grenzen zu halten und Naturgefahren heute und in Zukunft versichern zu können“.

In ihrem Positionspapier fordern die Versicherer einen „verlässlichen politischen Rahmen, der stringent auf ambitionierte Nachhaltigkeitsziele“ ausgerichtet ist. Notwendig seien die lenkungswirksame Bepreisung klimaschädlicher Emissionen, stabile rechtliche Grundlagen für erneuerbare Energien und Initiativen für eine klimaresiliente Infrastruktur und umfangreiche, verlässliche und einfach handhabbare ESG-Informationen.

Beispiele für die Umsetzung in der Praxis

Einige Industrie- und Rückversicherer haben bereits damit begonnen, klimaschädliche Risiken nicht mehr zu versichern. Bei den bisher praktizierten Ausschlüssen geht es im Wesentlichen um die Reduktion von Kohlendioxid. Dabei gibt es weitere, klimaschädliche Treibhausgase wie Lachgas, Methan, Halogenkohlenwasserstoffe und verschiedene chlor- und bromhaltige Substanzen. Zudem beschränken sich die Ausschlüsse bisher vor allem auf Aktivitäten im Zusammenhang mit Kohle, Ölsand und Öl. Erdgas bleibt meist außen vor. Und: Betroffen von den Ablehnungen sind meist Neu- und nicht Bestandskunden. Die Formulierung im Positionspapier „keine gewerblichen und industriellen Risiken mehr ins Portefeuille zu nehmen“, ist hinsichtlich Neu- und Bestandsgeschäft auch nicht eindeutig. „Versicherer werden anhand ihrer eigenen Portefeuilles entscheiden, ob und wann einzelne Ziele bereits früher umgesetzt werden können“, heißt es in der Erklärung weiter.

In ihrer Kapitalanlagepolitik sind viele Versicherer hingegen schon weiter: Mit 1,7 Billionen Euro Kapitalanlagen ist die Branche eine der größten institutionellen Investorengruppen und verfügt über einen sehr effektiven Hebel bei der Transformation. Einige, meist größere Gesellschaften haben sich schon vor vielen Jahren den Principles for Responsible Investment, und den Principles for Sustainable Insurance oder zuletzt auch der Net-Zero Asset Owner Alliance (AOA) angeschlossen bzw. diese mitinitiiert. Diese Finanzinitiativen der Vereinten Nationen (UN) wollen mit selbst entwickelten Grundsätzen für nachhaltige bzw. CO2-freie Kapitalanlagen ihr Anlageverhalten und damit die Realwirtschaft verändern. Bei Neuinvestitionen berücksichtigten viele bereits heute Nachhaltigkeitskriterien schon aus Eigennutz, weil die Klimakrise zur Entwertung von Investitionen führe, so der GDV in einer früheren Erklärung. Doch um das riesige Portfolio komplett klimaneutral ausrichten zu können, mangelt es noch an Daten für „grüne“ Investments. Gefordert wird eine ESG-Plattform. Problematisiert wird auch, ob und wie die Eigenkapitalunterlegung „grüner“ Investments beim Solvency-ll-Review geändert wird/werden soll. Im Fokus der Kapitalanleger stehen meist nur Scope 1 und 2, nicht aber Emissionen nach Scope 3.

Einige Unternehmen haben bereits die Klimaneutralität für erste Standorte in Deutschland verkündet und auch bei den Produkten gibt es immer mehr „grünes“, wie bereits im Eintrag „Der Umgang der Versicherer mit den Klimazielen zum Pariser Klimaabkommen“ gezeigt wurde.

Beim Ziel, den Frauenanteil in Führungspositionen und -gremien zu erhöhen, kommt die Branche langsam voran, wie die Personalstatistik des Arbeitgeberverbandes der Versicherungsunternehmen in Deutschland e. V.zeigt. Danach waren 2020 zwar 52,7 Prozent aller Beschäftigten im Innendienst weiblich, in den Führungsebenen 1 bis 4 lag der Frauenanteil aber erst bei 29,2 Prozent. Auf der Führungsebene 1 hat sich der Anteil zwar innerhalb von 15 Jahren verdoppelt – aber erst auf 17,5 Prozent. Nach wie vor gibt es Versicherungsunternehmen ohne Vorständinnen. Und: Außendienst ist weitgehend eine Männerdomäne – weniger als ein Viertel der Vertriebler sind Frauen.