Risikoklassifizierung in der Altersvorsorgeberatung – bald ein „Muss“!

Ein Kommentar von Dr. Reiner Will, Geschäftsführer der ASSEKURATA Assekuranz Rating-Agentur GmbH  

Dr. Reiner Will

Das geringe Zinsniveau an den Kapitalmärkten verlangt in der Altersversorgung nach neuen Antworten. Das gilt sowohl aus Anbieter- als auch aus Kundenperspektive. Fast alle Versicherer reagieren darauf indem, sie ihre Produktpalette erweitern. Traditionelle Versicherungen mit jährlich garantiertem Zins werden zum Teil aus dem Programm gestrichen. Einzelne Anbieter beschränken ihr Angebot im klassischen Bereich ausschließlich auf die betriebliche Altersvorsoge.

Den neuen Anlagekonzepten ist bei aller Unterschiedlichkeit gemein, dass der Umfang an Garantien deutlich reduziert ist. Viele dieser Konzepte begrenzen ihre Garantien auf die endfällige Rückzahlung von nominellen Einzahlungsbeträgen. Eine negative Wertentwicklung innerhalb eines Jahres ist dabei nicht ausgeschlossen, häufig auch nicht unwahrscheinlich. Um eine negative Wertentwicklung innerhalb eines Jahres auszuschließen, werden hier zum Teil entsprechende Garantien gewährt. Hinzu kommt eine enorme Palette an Anlagemöglichkeiten in Fonds, Aktien oder Optionen.

Die neuen Altersvorsorgeprodukte bieten somit vielfältige Anlagekonzepte mit ganz unterschiedlichen Chancen und-Risiken.

Wer sich heute bei der Vermittlung von Altersvorsorge noch allein an prognostizierten Beispielrechnungen orientiert, der begibt sich auf dünnes Eis. Die Pflicht zum Nachweis einer geeigneten Produktauswahl liegt beim Vermittler. Selbstverständlich ist das heute schon in der Anlageberatung. Hier müssen zum Beispiel selbst bei der Anlage von kleinen Beträgen die Risikoneigung des Kunden und eine Risikoklassifizierung des Fonds ausführlich dokumentiert werden. In der Altersvorsorge fehlen bis heute einheitlich ermittelte und damit vergleichbare Kennziffern für Chance-Risiko-Profile.

Das wird nicht mehr lange so sein. Das Bundesministerium der Finanzen hat im vergangenen Jahr die Produktinformationsstelle Altersvorsorge (PIA) etabliert. Das in Kaiserslautern ansässige Unternehmen entwickelt ein Verfahren, mit dem Altersvorsorgeprodukte in ein Chance-Risiko-Profil eingestuft werden. Für staatlich geförderte Altersvorsorgeprodukte wird in absehbarer Zeit die Angabe der nach einheitlichem Verfahren ermittelten Risikoklasse Pflicht. Was für die staatlich geförderte Altersvorsorge verpflichtend ist, dürfte zeitnah auch für die private Altersvorsorge kommen; denn häufig sind die Produkte baugleich. Daraus ergeben sich einige Herausforderungen für Anbieter und Vermittler:

 

  • Die Zertifizierung der staatlich geförderten Produkte soll dabei ab Juli 2016 vorliegen, sofern ein Antrag bis Ende 2015 gestellt wurde. Die Chance-Risiko-Klasse ihrer Altersvorsorgeprodukte müssen die Produktanbieter durch die PIA testieren lassen und in den Produktinformationsblättern ausweisen.
  • Über die Laufzeit des Vertrages müssen die Anbieter sicherstellen, dass die Kapitalanlage innerhalb die Grenzen der ausgewiesenen Risikoklasse bleibt.
  • Vermittler stehen in der Altersvorsorgeberatung vor der Herausforderung, den Kunden über das Chance-Risiko-Profil zu informieren und die geeignete Produktauswahl zu dokumentieren. Dies erfordert auch die Beurteilung der Risikoneigung des Kunden. In vielen Fällen werden hierzu Anpassungen der Beratungsprozesse und –programme notwendig sein.
  • Anbieter wie Vermittler müssen im Zeitverlauf aktiv die Eignung des Altersvorsorgeproduktes im Hinblick auf das Risikoprofil des Kunden überprüfen.
  • Es ist damit zu rechnen, dass in der Produktentwicklung eine Optimierung der Produkte auf die Grenzen der Risikoklassensystematik einsetzen wird. Wem es gelingt, innerhalb der Bandbreiten einer Chance-Risiko-Klasse ein Produkt mit den Leistungsparametern an die Spitze zu führen, der darf mit deutlich höherem Absatzerfolg rechnen.

Erste Erfahrungen mit Chance-Risiko-Profilen liegen durch die von Morgen & Morgen initiierten Projektstudie Volatium bereits seit 2011 vor. Einige Anbieter haben daraufhin ihre Produktpalette mit Blick auf diese Risikoklassen systematisiert und versucht, die Risikoklassen produktseitig möglichst umfassend abzudecken. Denn was sollte der Berater dem Kunden anbieten, wenn das eigene Angebot eine Risikoklasse nicht bedient?

Auch einige Vertriebe haben reagiert und individuelle Verfahren der Risikoklassifizierung in ihrer Altersvorsorgeberatung eingeführt. Ein einheitlicher Marktstandard hat sich daraus bisher nicht entwickelt.

Mit der PIA dürfte sich der Prozess hin zu einem markteinheitlichen Risikoklassifizierungssystem erheblich beschleunigen. Hier ist keine Einstimmigkeit nötig. Die PIA wird in diesem Jahr ein Risikoklassenmodell vorlegen und mit der Produktzertifizierung starten. Da bekanntlich sowohl das Produktmanagement wie auch die IT der Häuser Vorlauf benötigen, um die erforderlichen Systeme zu installieren, drängt die Zeit. Um ein solches System in der Beratung bei eigenen Vermittlern und Maklern zu etablieren, bedarf es umfangreicher Vorbereitungen und technischer Anpassungen. Geschwindigkeit wird dabei ein wichtiger Erfolgsfaktor sein. Um die Vermittler von diesem neuen, methodischen Ansatz zu überzeugen, bedarf es einer engen Abstimmung von Produktmanagement und Vertriebssteuerung. Hier liegt der Schlüssel zum Erfolg.